Was Psychologie über Generationen, Vertrauen und Neugier verrät

Künstliche Intelligenz (KI) ist längst Teil des Alltags: Sie schreibt Texte, erstellt Bilder, beantwortet Fragen und unterstützt uns in Beruf, Studium oder Privatleben. Doch während manche Menschen neue KI-Tools mit Begeisterung ausprobieren, bleiben andere zurückhaltend. Schnell entsteht der Eindruck, die Jüngeren seien offener für technologische Neuerungen.Aber stimmt das? Ist Offenheit gegenüber KI tatsächlich eine Frage des Alters – oder spielen andere Faktoren eine größere Rolle?

Was die Forschung zur Technikoffenheit sagt

Psychologische Studien zeigen, dass die Bereitschaft, neue Technologien zu nutzen, nicht allein vom Alter abhängt, sondern von mehreren psychologischen und sozialen Faktoren. Einen umfassenden Überblick zu Einflussfaktoren, die die Akzeptanz von Künstlicher Intelligenz beeinflussen, bietet die Meta-Studie von Kelly et al. (2023).
Zu den wichtigsten Faktoren gehören:

• Wahrgenommener Nutzen: Menschen nutzen Technik, wenn sie glauben, dass sie ihnen konkret hilft.

• Wahrgenommene Nutzerfreundlichkeit: Wenn eine Anwendung als kompliziert gilt, sinkt die Bereitschaft zur Nutzung.

• Soziale Einflüsse: Wenn Freunde, Kolleginnen oder Familienmitglieder KI positiv bewerten, kann das motivieren.

• Vertrauen, Sicherheits- und Datenschutzbedenken: Sorgen um Datenschutz, Fehlfunktionen oder Kontrollverlust hemmen die Akzeptanz.

• Persönlichkeit und Offenheit für Neues: Wer grundsätzlich neugierig ist, probiert neue Technologien häufiger aus.

• Digitale Kompetenz: Erfahrung mit digitalen Medien senkt Einstiegshürden.

Das bedeutet: Menschen akzeptieren und nutzen neue Technologien dann, wenn sie den Nutzen erkennen und sich sicher fühlen, sie zu bedienen. Genau an dieser Stelle können sich Unterschiede zwischen Altersgruppen zeigen – nicht wegen des Alters an sich, sondern wegen unterschiedlicher Erfahrungen und technischer Routinen.

Warum Jüngere und Ältere unterschiedlich herangehen

Jüngere Generationen sind mit digitalen Medien aufgewachsen. Für sie ist der Umgang mit Apps, Online-Tools oder Chatbots selbstverständlich. Ältere Menschen hingegen wägen häufig bewusster ab, ob sich der Lernaufwand lohnt und ob sie die Technik verstehen und kontrollieren können. Das führt dazu, dass ältere Nutzerinnen und Nutzer neue Technologien nicht grundsätzlich ablehnen, sondern anders bewerten: rationaler, vorsichtiger, stärker mit Blick auf Sicherheit und Nutzen.

Studie aus Deutschland: Alter spielt kaum eine Rolle

Eine aktuelle repräsentative Untersuchung von Gnambs et al. (2025) liefert dazu neue Daten. Befragt wurden 1.098 Erwachsene zwischen 20 und 76 Jahren in Deutschland zu ihren Einstellungen, Erfahrungen und Nutzungsabsichten gegenüber KI in den Bereichen Arbeit, Gesundheit und Bildung.
Das Ergebnis: Die Befragten hatten insgesamt positive Einstellungen gegenüber KI – besonders im Gesundheitsbereich.Jüngere Teilnehmende berichteten etwas mehr Erfahrung und höhere Nutzungsabsichten, vor allem im Gesundheits- und Bildungsbereich. Deutliche Altersunterschiede in der grundsätzlichen Bewertung von KI zeigten sich jedoch nicht.
Die Untersuchung zeigte: KI wird in Deutschland über alle Altersgruppen hinweg weitgehend akzeptiert, auch wenn viele bislang nur wenig praktische Erfahrung damit haben.

Vertrauen hängt mit Erfahrung zusammen

Eine Untersuchung des Institute for Healthcare Policy and Innovation an der University of Michigan aus dem Februar 2025 mit mehr als 2.800 Personen zwischen 50 und 97 Jahren in den USA bestätigt, dass Vertrauen stark mit Erfahrung zusammenhängt. Rund 70 Prozent derjenigen, die bereits Erfahrungen mit Künstlicher Intelligenz gesammelt hatten, gaben an, ihr zumindest teilweise zu vertrauen – im Vergleich zu nur 34 Prozent unter den Nichtnutzer:innen. Mehr als die Hälfte (55 Prozent) der über 50-Jährigen hatte bereits eine KI-Anwendung ausprobiert. Gleichzeitig zeigte sich ein hoher Informationsbedarf: 81 Prozent wünschten sich mehr Aufklärung über die Risiken und 58 Prozent über die Vorteile von Künstlicher Intelligenz. Die Studie zeigte außerdem: Personen, die ihren Gesundheitszustand als gut oder sehr gut beschrieben, zeigten mehr Vertrauen in KI-Anwendungen als Befragte mit schlechterer Gesundheitseinschätzung.

Fazit: Neugier statt Jahrgang entscheidet

Die bisherigen Befunde sprechen klar gegen die einfache Generationenformel. Nicht das Alter macht den Unterschied in der Offenheit gegenüber Künstlicher Intelligenz, sondern verschiedene Faktoren wie Vertrauen, Wissen, digitale Kompetenz – und die Bereitschaft, Neues auszuprobieren.

Autorin: Sabine Künnemann, Psychologin (M.Sc.) Kontakt: kontakt@ki-psy.net


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